>Wie ein Karnickel

>Wenn die Vorbereitung auf einen Marathon schlecht lief, man nicht in Form ist und überhaupt, dann bleibt immer noch die Möglichkeit sich in einer großzügigen Geste einem noch schlechteren Läufer als Hase zur Verfügung zu stellen.

So wurde ich zu Renés Bunny.
Sonnabend früh um 9:00 Uhr (normalerweise schlafe ich da noch) trafen wir uns am Zentralstadion zur zentral organisierten Fahrt in die deutsche Bankenzentrale. Diesmal hatten wir einen ziemlich coolen Busfahrer (keinen Wichser, wie letztes Jahr- es gibt nur Wichser und Coole) und waren schon sehr zeitig auf der Marathonmesse. Dort ein paar Sachen abgeklärt und in die Festhalle zur Nudelparty gesetzt. Künstlerisch wertvolle Darbietungen- unter anderem der Galaxy Dancers gesehen, uns von Nicole Leder erläutern lassen warum Beyerdynamics (oder so) bestimmt super geil ist, wenn sie es mal ausprobiert hat, bei Dieter Saubermann nicht wirklich zugehört und auf 17:00 Uhr gewartet, dann ging’s nämlich zum Hotel.
Jens hatte inzwischen auch den Weg aus Frank-Reich nach Frank-Furt gefunden und so nahm er 17:50 Uhr am traditionellen Lockerlaufen teil.
Abends dann Inder komplett (essen und 24 Carat Gold: Hits of KJYesudas- ein Hochgenuss für jeden Bollywood Musikliebhaber, eine Qual für alle anderen).
Die Nacht kaum geschlafen- nicht vor Aufregung, irgendwie kann ich immer die erste Nacht im Hotelzimmer nicht schlafen, aber zum Glück sind das ja nur noch ca. 20 Nächte pro Jahr.
Mit dem Bus konnten wir direkt aufs Messegelände fahren und auf dem Weg zum Start lief Mocki sich an Jens und mir vorbei ein. Ein sehr tiefen Bückling gemacht, der mit einem sehr sympathischen Lachen erwidert wurde. 
Beim Start hatten wir uns (so dachte ich) relativ weit vorne eingeordnet, waren aber viel zu weit hinten.
Der erst Kilometer war in 3:56 völlig ok. Offensichtlich nicht für die Mehrzahl der vor uns laufenden Läufer, die offensichtlich- nach einem Blick auf die Uhr- Angst vor der eigenen Courage bekamen und erstmal raus nahmen. Was dazu führte, dass wir eine immer größere Anzahl menschlicher Slalomstangen zu umlaufen hatten. Bei Kilometer 5 hatte sich das dann weitgehend geklärt und mit 20:10 lagen wir ganz gut.
Dann begann das simple Kilometerablaufen. Die nächsten 5 Kilometer liefen wir in 19:57 und waren somit bei Kilometer 10 nur 7 Sekunden über Plan und gut eingelaufen. So, jetzt wollte ich einen kleinen Puffer aufbauen, ohne zu überpacen. Kilometer 10 bis 15 in 19:48, 15 bis 20 in 19:44. Ich musste eigentlich schon vom Start an pinkeln. Das kenne ich, das ist normal. Aber wenn man Zeit zum Nachdenken hat und eigentlich schneller laufen könnte und dann noch jemanden sieht der sich gerade erleichtert, dann gibt man dem Druck wahrscheinlich eher nach. Also habe ich René kurz vor Kilometer 20 gesagt, dass ich mal pinkeln gehe. ein Stück beschleunigt, an den Busch gestellt und erstmal in aller Ruhe die Blase druckfrei gemacht. René war dann plötzlich 100 Meter vor mir. Einerseits war es ziemlich geil an den verdutzten Läufern vorbei zu ziehen, andererseits wurde mir in dem Moment schon bewusst, dass das auch nach hinten los gehen kann. Hinzu kam, dass ich René erst genau an der Wasserstelle wieder ein hatte und er sich selbst bedienen musste. Man verliert an jeder Wasserstelle 3 Sekunden,  hat Thomas Prochnow mal gesagt. Ein Beweis? Kilometer 20 bis 25 in 20:03!
Kilometer 25 bis 30 in 19:56, dann Kilometer 30 bis 35 in 20:01. Bei Kilometer 35 waren wir in 2:19:39. Hatten also ein Polster von 21 Sekunden raus gelaufen um die magische Joggergrenze von 2:48:48 ( 4 min/km) zu unterbieten (ich weiß, dass das ursprünglich nur für 10 km Läufe gilt).
Gerade als ih so dachte, dass das genug Puffer sei, bat mich René ein bisschen raus zu nehmen. Also beobachtete ich ihn jetzt noch etwas genauer und sah, dass er tatsächlich kämpfen musste als wäre er ein ganzer Mann.
Ich habe mich weiter um ihn gesorgt, ihn umhegt und gepflegt, mit Cola, Roßbacher (Hauptsache süß) versorgt, mich zurückfallen lassen, wenn er abreißen lassen musste, die mitleidigen Blicke der Zuschauer bewusst auf mich gezogen, doch so richtig half das alles nichts. Selbst, dass wir irgendwann auf Jens aufgelaufen waren (der übrigens noch viel mehr kämpfen musste und nur noch für die Mannschaftswertung lief- Respekt!) führte bei René zu keinerlei Reaktion.
Dementsprechend dann Kilometer 35 bis 40 in 21:03 und schon waren wir 40 Sekunden im Minus. Das war nicht mehr raus zu laufen und damit stand fest, dass ich als Hase versagt habe.
Wer gut rammeln kann ist eben noch lange nicht ein guter Rammler!
Auch die beiden letzten Kilometer in 3:57 und 3:56 ändern daran nichts mehr.
Ziel verfehlt, 5, setzen!
Ein guter Hase trägt seinen Meister, wenn’s sein muss.
Wenigstens konnte ich dann im Ziel sagen, dass es wenigstens unter 2:50 und damit nicht ganz so peinlich war. Allerdings fand das außer mir keiner der gerade Anwesenden lustig.
Und dann wurde mein Wettkampfjahr gekrönt:
Falk Cierpinski begrüßte mich und schüttelte mir die Hand. Keinem anderen, nur mir!
Nun hat sch das ganze doch gelohnt, und wie!

4 Gedanken zu „>Wie ein Karnickel

  1. David

    >dann hoffe ich den Marathon irgendwann mal im 5min/km-Tempo zu schaffen um wenigstens zum Jogger zu werden :-)
    Ich denke, du hast deine Aufgabe als Rammler gut gemacht, hast ja sogar als einziger die Nacht allein verbracht um für den Tag X fit zu sein – soviel Verzicht muss anerkannt werden!

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  2. -dna-

    >30sec vorbeigeschrammt, who cares? Ich werde wohl ewig Jogger bleiben. Ich finde die Zeiten Klasse und mache ebensolchen Bückling.

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  3. Sachsenwilli

    >Du hast NICHT versagt und als Duz-Freund von Falk (Deine „Frisur“ ähnelt der seines Vaters) bist Du doch nun endgültig im Kreis der deutschen Nachwuchshoffnungen angekommen.
    Ganz starkes Kino!!!

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  4. Frank Hercher

    >Schön… wie immer :-))), nur dass du die Joggergrenze immer weiter nach unten verlegst, ist sehr bedenklich ;-)!

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