Delivered – part 3

Im Wechselzelt habe ich mir dann einen Platz ganz am ende gesucht. Kaum saß ich schon war eine Helferin da. Hat meine Sachen aus dem Beutel ausgepackt, Neo, Brille, Kappe wieder eingepackt, gefragt ob ich fertig sei und dann den Beutel weg geschafft. Pures Profifeeling. Das kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen. Die Helfer in Roth, das wäre mal ein Buch und ein Film wert. Raus aus dem Zelt und Fahrrad gesucht. Das war nicht besonders schwer zu finden, allzu viele Fahrräder standen nicht mehr in meinem Bereich.

Helm auf, Brille auf, Startnummernband um und los ging’s Das klappte schon immer gut. Nur das Einklicken in die Pedale – eine Katastrophe! Einer nach dem anderen fuhr an mir vorbei bis ich endlich den richtigen Halt hatte. Keine Ahnung wie ich das Problem lösen soll. Nach dem Schwimmen zittern meine Füsse derartig, dass ich da keine richtige Chance habe. Die Schuhe vorher an den Pedalen zu befestigen würde zwar das Einklicken überflüssig machen, aber spätestens beim Versuch die Schuhe zuzumachen würde ich mich derartig auf die Fresse packen, dass ich erst gar nicht ernsthaft darüber nachdenke. Vielleicht ist es eine Lösung erstmal einfach loszufahren und das Einklicken Einklicken sein zu lassen und sich später drum zu kümmern – mal sehen. Andererseits was verliere ich an Zeit? Dreißig Sekunden? Höchstens! Dafür ist dann aber der Adrenalinspiegel schön weit oben. Und entsprechend aufgeputscht ging’s auch los. Erleichternd kam hinzu, dass es am Anfang kurvenreich im Prinzip nur bergab ging. nach 5 Kilometern stand ein 33er Schnitt auf dem Tacho, Ja wie geil ist das denn? Dirk hatte Recht. Man darf das Rad fahren im Training nicht auf den Triathlon hochrechnen. Ich fuhr ganz locker ein Tempo das mir im Training erhebliche Anstrengung abverlangt hätte. Vor mir (und hinter mir wahrscheinlich auch) eine lange Reihe – wie auf einer Perlenkette aufgeschnürt – von Fahrern. Mal wurde ich überholt, mal überholte ich und der Schnitt blieb immer zwischen 32 und 33 km/h. Die Beine fühlten sich locker an, energetisch war alles im sicheren grünen Bereich, es machte sogar so was wie Spaß. Es gibt auf der Radstrecke zwei nennenswerte Berge, hatte André gesagt. Den bei Gerding und den Solarer Berg. der bei Gerding ist schlimmer, den Solarer Berg wird man von den Zuschauern hoch gepeitscht. Und nun lag er vor mir, der Berg in Gerding. Sah eigentlich gar nicht schlimm aus, nur an den rechts-links-schwenkenden Fahrern konnte ich sehen, dass da offensichtlich was auf mich zu kam. Ich tritt rein und überholte wieder einige die mich zuvor überholt hatten und mich später wieder überholen sollten. Aber hart war’s allemal. Danach ging’s dann nicht gleich wieder bergab sondern immer noch ein bisschen bergauf und der schöne Schnitt war im Keller und so locker war das nun auch alles nicht mehr. Die bergab Strecke kam dann doch und damit Geschwindigkeiten von über 60 km/h (Höchstgeschwindigkeit: 66 km/h). Das ist sogar nicht mein Ding – vor allem nicht, wenn ich dann sehe, dass in den Kurven Strohballen liegen und mir klar wird warum. Als ich dann mit 40 km/h in eine > 90° Kurve eingebogen bin habe ich mich mal wieder gefragt was ich hier eigentlich machen würde?! Entsprechend wurde ich auf diesem Stück reichlich überholt und wenn ich mich recht erinnere habe ich nur drei bis vier Frauen überholt. Vielleicht hat ja auch schnell bergab fahren was mit Testosteron zu tun. Dann ging es immer mal bergauf, bergab, gerade aus und ich konnte nichts für die Wiederverbesserung meines Kilometerschnitts tun. Und plötzlich, eigentlich schon sehr lange erwartet, dann aber doch unerwartet war er da: der Solarer Berg. Zunächst eine Rechtskurve mit Blick auf bannerbespannte Barrieren,  dahinter Zuschauer in Massen. Nach der Kurve dann der Blick nach oben wo man erst mal nur Zuschauer massen sieht. Und schon ist man drin im Wahnsinn. Rechts und links Zuschauer, die einen anbrüllen. Ich hätte gerne noch drei bis vier Fahrer vor mir überholt, aber das wäre nicht gegangen ohne in die Zuschauer rein zu fahren. Ziemlich weit oben stand dann Samir – schön! André hatte auch gesagt, dass es besser wäre eine Sonnenbrille zu tragen, wenn man ein Mann ist der sich seiner Tränen schämt. Ich ließ die Brille dennoch auf.

Das Stück bis zur ersten Wechselzone (da wo ich auf die Strecke kam) und von da zur Verzweigung 2. Runde/ 2. Wechselzone war noch mal geeignet etwas für den Kilometerschnitt zu tun und zur Halbzeit lag dieser dann bei 32,5 km/h.
Freude wollte dennoch nicht so recht aufkommen. Einerseits musste ich seit Kilometer 30 – eigentlich sehr dringend – mal pinkeln (so ein Sattel ist ja auch eine unheimliche Belastung für eine gealterte Prostata) andererseits fand ich die Haltung auf dem Rad inzwischen mehr als unangenehm. Beides nicht lösbar.
Wasser lassen ging nicht, weil mein Messtechnik auf Autopause stand. Hätte ich angehalten wäre auch die Zeit angehalten worden und dann hätte der Schnitt nicht mehr Gesamtzeit und Strecke, sondern nur noch gefahrene Zeit und Strecke ausgewiesen. NIEMAND kann da für eine Pinkelpause anhalten.
Ich hatte – grober, böser Anfängerfehler! – noch mal Toms Einstellungen „getunt“. Fühlte sich besser an, so im ersten Moment. War es aber nicht. Ich saß wie ein Affe auf nem Schleifstein.

Nach gerade mal 100 Kilometern war ich meist damit beschäftigt eine Griffposition am Lenker zu finden die mein Kreuz irgendwie entlastete. Es gelang mir nicht mal im Ansatz.
Die Anwendung von psychologische Tricks  ist ziemlich ziellos, wenn der andere die Tricks kennt und den Versuch erkennt. Dennoch versuchte ich es mit Selbstverarschung. Ich teilte die Strecke in 5 Kilometerabschnitte ein, stellte mir vor wie ich in der Wechselzone meine Blase entleeren würde – Verstärkung des negativen Gefühls durch missglückten Versuch einer positiven Suggestion – und dann kam wieder Gerding und damit der Berg.
Welche Wollust im Wiegetritt, fast aufrecht stehend, den Berg hochzustrampeln und dabei reichlich Plätze gut zu machen – freilich mit der Gewissheit die gleich wieder zu verlieren, denn allzu kurz war das Vergnügen.
Dann hieß es wieder irgendwie sitzen zu bleiben. Als ich mich dann so umschaute fiel mir ein Fahrer auf, der seinen Aerolenker sehr komisch anfasste, dort wo sich die Aerolenkerdesigner sicher nicht gedacht haben, der hatte die gleiche Griffposition wie ich. Und dann – geschärften Sinnes – sah ich immer mehr Fahrer in aufrechter Haltung, auf  die Windschnittigkeit scheißend. Vielleicht war ich ja doch nicht der einzige der jetzt verfluchte nur 135 Kilometer, als längste Trainingseinheit, absolviert zu haben. Doch auch das half nichts. Geteiltes Leid ist doppeltes Leid!

Am Solarer Berg dann wesentlich weniger Euphorie, auch schon weniger Zuschauer, aber immer noch mehr als genug um euphorisch werden zu können. Kein Kloß im Hals diesmal, nur ein Kloß im Kreuz. Doch das Ende war nun abzusehen. Nur noch lächerliche 20 Kilometer, nur noch ca. 40 Minuten.
VERDAMMT, NOCH ca. 40 MINUTEN!!!
Als dann das Ende nahte machte sich um mich herum so langsam wieder heitere Stimmung breit. Bis mir dann plötzlich jemand zurief: „Man, mir brennen vielleicht die Schenkel!“. Was war dass denn? Pornoanmache der primitivsten Art nach 180 Kilometern Geschlechtsteil breit quetschen?! Brennende Schenkel Teil 3 – jetzt noch versauter!? Bei allen versuchte er es, Mitfahrern, Zuschauern, Kampfrichtern und ich hatte plötzlich so ein Hämmern im Kopf: brennende Schenkel, brennende Schenkel…

Dabei war ich doch eigentlich nur ausgebrannt und wollte endlich vom Rad (ich nenne sie Yve) runter. Und noch eine Gerade und noch eine Kurve und immer noch der aufgedrehte Typ mit Schenkelbrand. Doch irgendwann war sie dann da die Wechselzone, ich schmiss Yve irgendeinem Fremden an den Hals, bekam von irgendeiner Fremden meinen roten Beutel mit der 1394 und begab mich ins Zelt.
Hier sah ich erstmal nur Latexhandschuhe und Creme. Schon wieder Porno? Wurden hier brennende Schenkel zur Ruhe gebracht? NEIN, ich will nicht – nicht jetzt!
Als ich dann wieder zu mir kam begriff ich, dass es sich um Sonnencreme handelte und dass die Vorbeugung gegen Sonnenbrand ein Service des Veranstalters war. Darauf muss man erstmal kommen.
Doch ich als Outdoorer und ganzer Kerl brauche so was natürlich nicht. In Afrika würde ein Fremder mich nach dem Weg fragen. So sieht’s aus!
Also setzte ich mich in eine Ecke, setzte Brille und Helm ab, wischte das Salz der tränen von meiner Haut ab, zog die Schuhe an und gab meinen roten Beutel mit der 1394 der Erstbesten die keine Handschuhe trug.

Dann trat ich vors Zelt, sah eine Reihe von wunderschönen Dixies und nahm mir gleich das erstbeste. Bei offener Tür ließ ich es hemmungslos laufen vorm Laufen. So eine Langdistanz hat durchaus auch schöne Momente.

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