Delivered – part 4

Endlich laufen – meine Disziplin!
Aber nach 180 Kilometern auf dem Rad fühlt sich laufen nicht wie laufen an. Eher wie laufen lernen. Die Beine sind steif, schwer und eiern über den Boden. Vorwärts komme ich irgendwie, aber das fühlt sich langsam an – viel zu langsam.
Ein Blick auf den Geschwindigkeitsmesser zeigt einen Schnitt von 3:48 min/km. Das ist nun wiederum schnell – viel zu schnell.

Nicht das ich das nicht laufen wollte und könnte, aber nicht hier und heute. Ich hatte wieder gerechnet. Eine Marathonzeit von 3 Stunden und 30 Minuten würde für eine Zeit unter 11 Stunden reichen und da wäre sogar noch etwas Puffer dabei. Das entspräche einen Schnitt von 5 min/km – so langsam laufe ich eigentlich nie.
Also pegelte ich  mich erstmal so auf 4:30 min/km ein und begann das große Überholen.
Die Laufstrecke in Roth ist eine Multipendelstrecke – man sieht sich. Und so sah ich tatsächlich plötzlich Chrissie Wellington mir  entgegen laufen. Locker, spielerisch und dennoch hoch konzentriert einer Weltbestzeit entgegen laufend. Ganz stark!
Leider war ich nicht schnell genug unseren Christian Ritter zu treffen, der war da schon durch und wurde mit einer Superzeit fünfter Mann.

Der erste Abschnitt führte durch ein beschauliches Waldstück und führte uns zum Kanal. Ich hatte mich nicht mit der Streckenführung beschäftigt und dachte nun, dass man bis zur Halbmarathonmarke am Kanal und dann zurück laufen würde. Und als mir dann André und später Dirk entgegen kamen ging ich davon aus, dass sie schon bei Kilometer 35 waren und es bald geschafft hätten. Später dann das gleiche für Uwe und Stefan.
Mit nur ein bisschen Nachdenken hätte mir klar sein müssen, dass das nicht sein kann, aber Nachdenken war in diesem Moment nicht das was ich machen wollte.

Es war warm da in der Sonne. Jens erzählte hinterher, dass auf dem Kanal ein Boot hin und her schwamm, auf Zeichen von Helfern anlegte, kollabierte Athleten in Empfang und wenn das Boot voll war an Stellen auslud wo Rettungswagen standen. Die hatten gut zu tun.
Normalerweise könnte man jetzt sein Ergebnis beschönigen in dem man das Schlagwort Hitzerennen bringt. Dieses Schlagwort wird gewöhnlich ab 18 Grad Celsius eingesetzt. Doch wenn im selben Wettkampf 2 Weltbestleistungen aufgestellt wurden hält man wohl lieber den Mund (auch wenn die ja schon viel früher – als es bei weitem noch nicht so warm war – fertig waren). Und auch die Verpflegungsstellen aller 2 Kilometer schränkten das Ausredenpotenzial  erheblich ein. Schwämme am Anfang und(!) Ende der Verpflegungsstelle, übermotivierte Helfer die einen fast nötigten zuzugreifen, als gäbe es einen Wettbewerb unter ihnen, Mineraldrink (ISO),  Wasser, Cola, Gel, Riegel (Gel und Riegel von High5, auf die ich mich – Profi wie ich bin – schon seit Mai eingestellt hatte), Brot, Trockenobst, Reiskuchen, Bananen, Äpfel,  Melonen, Zitronen. Da fällt die Auswahl schwer und ich nahm immer Wasser.

Bei Kilometer 5 war ich dann eingelaufen und konnte feststellen, dass es nicht gut lief. Das Tempo war nach wie vor völlig in Ordnung, ich wurde fast nur von Staffelläufern (S an der Wade) überholt und sammelte reichlich ein. Aber ich merkte jetzt wieder die Blockierungen in der Hals- und Brustwirbelsäule. Bei Kilometer 5 muss man sich in einem Marathon bremsen müssen, sonst geht der gegen den Baum. Doch ich musste hier schon kämpfen nicht gut!
Dann lief Peter an mir vorbei, der für Swarovski den Staffelläufer machte. Ich hatte ihn schon am Vortag in einem sehr tuffigen T-Shirt getroffen. So locker wie sonst sah das auch nicht aus, aber wesentlich lockerer als all wir anderen.

Dann war bei Kilometer 12 der Ofen aus. Ich hatte weder Lust noch Kraft weiter zu laufen und kümmerte mich erstmal gehend um meinen Schulterbereich in der Hoffnung dass die Kopfschmerzen gelindert würden. Wenn man dann so geht und eigentlich mit sich allein sein will werden die Zuschauer noch mobiler. „Los, Du schaffst das!“ „Weiter laufen!“ und weitere solcher blöden Sprüche.
Was denken die eigentlich? Dass ich hier gehe weil ich vergessen habe, dass man auch weiter laufen könnte? Dass ich nur darauf warte, dass mir einen von ihnen sagt, was ich machen soll?
An der nächsten Verpflegungsstelle griff ich dann einfach mal zur Melone. Was war das denn? Süße, erfrischende Freude! Köstlich und belebend! Liebe Laufveranstalter: reicht bei Sommerwettkämpfen bitte Melone!
Dann die erste Wende und das war nicht Kilometer 21, sondern erst irgendwas zwischen Kilometer 12 und 13 (wenn ich mich recht erinnere). Ich trabte ein Stück, ging ein Stück, trabte, ging…
Nach 17 Kilometern sagte ich mir dann, dass das so nicht weiter ginge. Es sind noch 25 Kilometer, wenn Du so weiter machst brauchst Du 5 Stunden für den Marathon. Das kann und darf nicht sein!!! Jetzt wird zumindest zwischen den Verpflegungsstellen gelaufen – Du alte Lusche!
Und das tat ich dann auch. Schön war es nicht, aber wenn man schon über 9 Stunden investiert hat kann man sich ja auch noch weitere  zwei bis drei Stunden quälen.

Als mir Jens dann entgegenkam hatte ich mich gefangen. Ich lief zwischen den Verpflegungsstationen immer unter 5er Schnitt, hielt dort kurz an um Melone zu verkonsumieren (geschätzt hatte ich dann am Ende ca. 4 große…) und war ansonsten in ganz guter Verfassung. Jens Verfassung allerdings schien mir zu gut zu sein. Viele, sehr viele Staffeln hatten mich schon passiert und Jens sah nicht so aus als würde er das letzte aus sich heraus holen. Im Nachhinein erfuhr ich erst, dass da sowieso nichts zu holen gewesen wäre. Und dann kam Jonny. Er lief auch in einer Staffel und hatte mich schon auf der Radstrecke angefeuert.

Der Rest war dann im wesentlichen nur noch reines ablaufen. Alle noch mal getroffen, zwischendurch liefen wir mal zwischen Biertischen durch, irgendwo bei Kilometer 35 oder 36 oder noch später stand Michaela und klatschte mich  ab, dann noch ein Schlenker durch die Stadt, der rote Teppich, die Massen, das Ziel, kurze Euphorie und dann erstmal irgendwo festhalten und versuchen die Schultern zu entkrampfen.

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