Gestutzte Flügel

Dieses Jahr hat es geklappt. Einem Start beim Wings For Live Run stand nicht wirklich etwas im Weg. Mit den langen Läufen klappt es zwar immer noch nicht aber ich schaffe es immerhin Woche für Woche Kilometer zusammen zu stoppeln.
Als dann auch noch das Angebot kam von RB Leipzig nach München und zurück gefahren zu werden stand die Entscheidung fest: ich starte.

wingsforlive2015
Das Resultat vorab:

  • Zweiter langer Lauf 2015
  • 37,55 Kilometer gelaufen
  • Global Platz 850  Gesamt (von 101.280), Platz 37 in der Altersklasse
  • in München Platz 57 Gesamt und Platz 2 in der Altersklasse
  • Bester „Weltrenner Leipzig“
  • und dennoch mein schlechtester Wettkampf seit Jahren (und das heißt was)
  • wider besseren Wissens sehr grobe Fehler gemacht
  • aber so viel gelernt wie lange nicht mehr
  • und deshalb zufrieden

Langversion und lessons learned:
Um 3:40 Uhr (!) stand Dirk vor der Tür und um 4:00 Uhr (!) stiegen wir in den Bus nach München ein. Allerdings handelte es sich nicht um den erwarteten Mannschaftsbus von RB Leipzig, sondern um einen normalen Reisebus, geeignet für Busreisen bis zu 90 Minuten.
Mein Vorhaben im Bus die drei Stunden Schlaf deutlich zu erhöhen scheiterte grandios und reduzierte sich auf 20 Minuten dahin dämmern.
Lektion 1: Ich werde mich nie wieder darauf verlassen, dass ich auf einer Bus- oder Zugfahrt schlafen kann (ich weiß ja eigentlich, dass ich das nicht kann), sondern dafür sorgen, dass ich schon vor der Fahrt ausgeschlafen bin.
Um 09:30 Uhr aß ich dann das obligatorische Honigbrötchen. Zwar nicht exakt drei Stunden vor Start, wie bei mir üblich, aber ich hatte Hunger. Außerdem wäre 10:00 Uhr mit der Ankunft in München zusammengefallen und da dachte ich lieber jetzt als nie. Damit stimmten die ganzen Vor-Wettkampf-Abläufe natürlich überhaupt nicht mehr.
Lektion 2: Das nächste Mal werde ich schon in der Nacht was essen und dann pünktlich drei Stunden vorm Start das Honigbrötchen zu mir nehmen und alle Rituale wie gewohnt einhalten.
Dann ging es erstmal zum Startnummern Abholen (sehr entspannt um diese Zeit) und Umkleiden. Ich hatte geplant im Singlet zu starten, aber nun kamen Zweifel auf. Es waren zwar 15 Grad Celsius aber es regnete die ganze Zeit. Was tun? Ich hatte noch ein Kompressionshirt eingepackt, eigentlich für danach, aber Shirt ist Shirt und ich zog es kurz entschlossen unters Singlet.
Dann hatten wir wieder viel Zeit. Um 11:30 Uhr dann Erwärmung mit Tim Lobinger und dann hatte sich bei der Gepäckabgabe auch schon eine ordentliche Schlange gebildet. Aber auch das löste sich schließlich und ich war sehr pünktlich im Startblock A. Die Startblock Disziplin in München war herausragend. Es gab kein Gedrängel um die ersten Reihen und es war ausreichend Platz vorhanden. So konnte ich noch bequem mit Asics Frontrunner Kollegen Carsten Stegner (dem ich selbstverständlich in aller Form noch persönlich zum deutschen Meistertitel  über 100 Kilometer gratulierte) und Reinhard Buchgeher (amtierender österreichischer 100 Kilometer Meister) schwatzen. Schon Wahnsinn was Asics mit den Frontrunnern auf die Beine gestellt hat. Man hat nicht einfach den selben Sponsor, sondern gehört zu einer Gruppe die über ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz verteilt ist. Wenn ich sehe wer da alles dazu gehört erfüllt mich das mit Demut und Dankbarkeit.
Der Start verlief völlig problemlos (Ergebnis der Startblock Disziplin) das Feld rollte sich ein und da es am Anfang gut bergab ging lief ich den ersten Kilometer in vier Minuten. Ich hatte mir vorgenommen 4:10 Minuten pro Kilometer zu laufen. Das ist ein sehr lockeres Tempo das ich, trotz keiner langen Läufe in der Vorbereitung, ohne Probleme 30 Kilometer laufen können sollte. Kilometer zwei bis sechs gingen dann immer in Zeiten zwischen 4:07 und 4:14 weg, es lief wie am Schnürchen und ich rannte kurz vor der Gruppe mit der ersten Frau. Also alles nach Plan und alles gut. Dachte ich…
Plötzlich Bauchkrämpfe. Was ist das? Seitenstechen, wie damals beim Hamburg Marathon, Magen-/Darmprobleme oder Muskelbeschwerden? Ich hatte keine Ahnung. Zwar konnte ich das Tempo noch halbwegs laufen und hatte immer noch einen Gesamtschnitt von 4:10 auf der Uhr stehen, aber die ersten beiden Frauen musste ich ziehen lassen, wie auch eine ganze Reihe anderer Läufer.
Bei Kilometer 10 wollte ich mir das erste Gel einpfeifen, verzichtete aber aufgrund der Probleme vollständig auf die Aufnahme von Speisen und Getränken.
Lektion 3: Ich werde das nächste Mal lieber an der Verpflegungsstation stehen bleiben als zu denken, dass es auch ohne essen und trinken passen wird.
Natürlich macht man sich dann Gedanken. Mist, nichts getrunken, keine Energie getankt, wird sich das rächen? Was ist das mit meinem Bauch? Sollte ich die ganze Scheiße jetzt nicht einfach abbrechen und in einen von diesen Bussen steigen die am Rand stehen?
Bei solchen Gedanken näherte sich die Pace immer mehr den 4:20 Minuten pro Kilometer. Allerdings wurde ich nicht (zumindest nicht deutlich) weiter nach hinten gereicht und der Abstand zu den Läufern vor mir wurde auch nicht deutlich größer.
Und es regnete und regnete und regnete. Ab Kilometer 15 verabschiedete ich mich von dem Gedanken weiter 4:20/Kilometer laufen zu können und fand mich mit einem 4:30er Schnitt ab. Dabei horchte ich immer weiter in meinen Körper rein, versuchte (ergebnislos) alle möglichen und unmöglichen Motivationstechniken. Die Beine liefen locker und leicht, nur der Rest wollte nicht. Ich bekam nicht so richtig Luft und der Bauch fühlte sich so an als wäre da viel zu viel Luft drin. Kurz vor Kilometer 20 reichte es mir schließlich und ich zog mein Kompressionsshirt aus. Im nachhinein bin ich auf diese Leistung sehr stolz. Ein Kompressionsshirt auszuziehen ist an sich schon eine Herausforderung. Aber das zu tun wenn man dabei so ca. 13,5 km/h läuft- alle Achtung. Zum Glück gibt’s kein Video davon.
Was für eine Befreiung! Ich bekam wieder Luft, die Schmerzen waren weg und mir ging’s wieder gut.
Lektion 4: Ich werde zu einem Langdistanz-Wettkampf nie wieder ein Kompressionsshirt anziehen. Insbesondere keines in der Größe S, nachdem bei der Ausgabe der Veranstaltungsshirts gefragt wurde ob ich eine M oder L wolle.
Aber da war alles schon viel zu spät und ich hoffte schließlich bloß noch, dass mich das Auto vor Dirk überholen würde (an irgendetwas muss man ja schließlich glauben). Von allen anderen Zielen hatte ich mich inzwischen vollständig verabschiedet und ich joggte einfach nur noch. Ab Kilometer 25 war ich dann im regenerativen Tempobereich (4:40 bis 5:00/km) und Kilometer 31 wurde in 5:15 absolviert. Oh mein Gott!!! Ein kurzes Aufbäumen bei km 32 (4:55) das ich auf Kilometer 33 wieder bezahlen musste (5:35) um mich dann wieder auf 5:10 bzw. 5:18 einzupegeln. An der Tränke bei Kilometer 35 habe ich dann das nachgeholt was ich bei Kilometer 10 verpasst hatte was dazu führte, dass dann ein Kilometer mit 6:33 auf der Uhr stand. Dann lief’s wieder. Kilometer 37 in 4:55 und ich hätte dieses Tempo wahrscheinlich zumindest bis zum Marathon laufen können. Aber ich wusste, dass catcher car ist nicht mehr weit und nach 37,55 Kilometern war das Rennen dann schließlich für mich aus.
Nun stand ich da, mitten in der Pampa. Lars Schweizer, mit dem ich schon am Start geschwatzt hatte, war nicht weit und Diego Fort aus Uruguay (ich habe mir den Simpson Gag verkniffen) gesellte sich als Dritter zu uns. Aber keiner von uns wusste so richtig was zu tun ist. Also machten wir uns einfach wieder auf den Weg zurück. An einer Kreuzung stand noch ein weiteres Grüppchen von vier gecatchten, die aber auch keinen Plan hatten. Eigentlich sollte ja ein Bus hinter dem catcher car hinterherfahren. Aber ab wann und wie lange wusste keiner von uns.
Hatte ich schon erwähnt, dass es regnete? Also, es regnete. Und schließlich wurde mir kalt, immer kälter. Sollten wir noch weiter zurück gehen? Kommt ein Bus? Wir wussten es nicht und niemand da zum Fragen. Und schließlich kam dann nach einer gefühlten Ewigkeit ein Bus. Mit diesem fuhren wir bis Kilometer 40 um dort in einen anderen Bus umzusteigen der uns zurück ins Olympiastadion bringen sollte. Dort gab es dann auch Warmhaltefolien und als ich in den Bus einstieg sah ich als erstes Dirk, wie ein Broiler eingehüllt in eine Alufolie. Die Sitzplätze waren alle belegt und ich musste stehen. Das ging auch ganz gut, zumindest für 15 Minuten, dann befahl mir schließlich mein Kreislauf mich auf den verdreckten nassen Boden zu setzen.
Gefühlt brauchte der Bus länger zum Start als ich zum Bus gelaufen bin. Schließlich kamen wir aber doch am Olympiastadion an. Beim Aussteigen traute ich meinen Augen nicht. Der Weg zur Garderobenausgabe führte den Damm hoch. Das habe ich in dem Moment nicht auch noch gebraucht, aber das machte das Kraut nun auch nicht mehr fett.
Duschen konnte man im Schwimmbad. Immer wieder schön so eine ausgiebige Dusche nach einem ausgiebigen Lauf. Als schließlich auch Dirk mit Duschen fertig war- er läuft nicht nur langsamer 😉 gingen wir dann zum Bus und ab ging’s nach Hause, wo ich dann Punkt 0:00 Uhr im Bett lag.
Fazit:
Ziel 2016 > 50 Kilometer! PUNKT

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