Speed.

Trainermeisterstück


Um mein mangelndes Lauftalent auszugleichen musste ich mich sehr intensiv mit der Trainingstheorie beschäftigen. Als ich dann alles gelesen hatte was es zu lesen gab sah ich mich in die Lage versetzt Ratschläge zu erteilen. Aus den Ratschlägen wurden schließlich Trainingspläne und individuelle Betreuung die weit über das Plan schreiben hinaus geht.
Dieses Jahr nun gelang mir mein Meisterstück.


Als ich anfing mit Chrische zu trainieren hatte er eine Marathonbestzeit von 3:20 (wenn ich mich recht erinnere) und für einen Hobbyläufer ganz gute Zeiten über 10 Kilometer. Die Grundschnelligkeit und der Wille waren enorm, so dass es am Anfang einfach nur galt die “low hanging fruits” zu pflücken.
Dabei lernten wir uns besser und besser kennen und lernten gemeinsam vor allem aus den Rückschlägen. Es ist ja eine Binsenweisheit, dass man aus Niederlagen viel mehr lernen kann als aus Siegen.
Vor allem entwickelte sich aber daraus eine Beziehung die sehr schwer zu beschreiben ist. Für mich liegt sie irgendwo zwischen tiefer, enger Freundschaft und Eltern-Kind-Beziehung.
Ich habe noch nie einen Sportler erlebt der mir so grenzen- und bedingungslos vertraut hat. Das war einerseits Last der Verantwortung, andererseits aber auch pure Motivation.
Für mich heißt Sport immer an die Grenzen zu gehen. Sport in der Komfortzone ist für mich kein Training. Das muss Athleten klar sein, wenn sie sich unter meine Fuchtel stellen wollen. Sicherlich gab es lockere Einheiten. Doch die dienten immer nur als Vorbelastung für eine richtig harte Einheit. In der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung waren wir täglich, meist mehrmals, im Kontakt. Überhaupt war sehr selten länger als eine Woche voraus geplant. Meine Meinung ist ohnehin, dass es jeder, der keine sehr starken Einschränkungen hat, mit einem Standardplan (einfach nur Kilometer machen) schafft den Marathon unter drei Stunden (Testosteronmangelhafte, also Frauen und alte Männer, unter 3:15) zu laufen. Doch wenn man seine individuelle Grenze ankratzen will dann bedarf es eines individuellen Plans. Und da baut Training auf Training auf und man muss für das nächste Training immer das Ergebnis des vorangegangenen Trainings berücksichtigen. Dabei wird immer schön an die Grenzen gegangen ohne zu überziehen.
Und so haben wir uns Schritt für Schritt gesteigert. Ein Problem war dabei auch, dass wenn der Körper den nächsten Schritt gemacht hatte, der Kopf auch nachziehen musste. Sich das Tempo dann im Wettkampf auch zuzutrauen ist auch keine so einfache Geschichte, zumindest wenn man sich nicht für den Größten hält. Aber irgendwann hatte auch Chrisches Kopf begriffen, dass er das Tempo laufen kann wenn ich ihm sage, dass er das Tempo laufen soll.

Als er das dann schließlich verinnerlicht hatte purzelten die Bestzeiten und die Podestplätze häuften sich mehr und mehr an. Nach dem Marathon in 2:36 (Hamburg 2016) musste schließlich ein neues Ziel her. Meines wären ja die 2:29 gewesen, aber Christoph wollte Ultra. Es gibt sehr viele Ultra Läufe auf dieser Welt. Dennoch war von Anfang an klar, dass es nur der Supermarathon beim Rennsteiglauf werden kann. Für diesen hatte ich in guten alten Zeiten schon mal Jörg Richter bei der Trainingsplanung unterstützt und mit seinem vierten Platz seinerzeit war ich mehr als zufrieden (er wäre freilich gerne eine Position weiter vorn platziert gewesen, doch dafür hat eine lächerliche Minute gefehlt).

Ultra Training ist eigentlich kein großes Ding. Einfach nur Kilometer sammeln und die Laufökonomie ans Renntempo anpassen. Berge zu simulieren ist in der Leipziger Tieflandsbucht relativ schwierig, da bleiben nur die Hügel die aus Kriegsschutt angehäuft wurden. Aber offensichtlich haben wir das alles gut hinbekommen. Denn nach 5:32 ist er ins Ziel getrudelt und ich war sehr froh, dass auch mit der Ernährung alles gepasst hat. Die letzten Kilometer waren nämlich noch mal schnell, so richtig schnell. Wenn ich mich nicht vertan habe, wovon ich ganz fest ausgehe, dann hatte er die schnellste Zeit auf den letzen 10 Kilometern.

Da geht also noch was.
Gedanklich war ich also schon auf das Training für den Supermarathon 2018 eingestellt und hatte mir schon die eine oder andere Raffinesse ausgedacht. Doch dann klingelte am 03.06.2017 der Postbote und brachte mir ein Paket. In dem Paket ein abgelaufener Schuh mit Brief und Zettel. Auf dem Zettel die Bestzeiten, erreicht mit diesem Schuh gelaufen, und im Brief der Dank für den gemeinsamen Weg für den jetzt (erstmal) ein (relativer) Punkt gesetzt wird.

Chrische_schuh2

Ich kann und will eigentlich auch nicht meine Gefühle in diesem Moment beschreiben. Nur eines: es war kein bisschen negative Emotion dabei.

Wir sind ein ganzes Stück Weg gemeinsam gegangen und ich werde Christoph, auch nach seinem Abschied vom ambitionierten Leistungssport, immer sehr verbunden bleiben.

Ein Schuh ist bei ihm einer bleibt bei mir. Eine kaum zu überbietende Symbolik.

Chrische, danke, dass ich diesen Weg mit Dir gehen durfte!!!

Ein Gedanke zu „Trainermeisterstück

  1. David

    Unglaublich, was ihr da zusammen geschafft habt! Und nich besser, dass neben dem Training immer eine Verbundenheit bleibt!

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